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06393


Physik Sommersemester 2002
06393 Seminar über Farben und Licht in ästhetischer und physikalischer Perspektive [SA]
   
Dozent Malinowski, Ingold
Dauer 2 SWS
Studiensemester 4
Schein Ja (Vortrag)
Termin Di, 12:00-14:00, 2003/HZ
Beginn 16.4.2002
Inhalt "Man könnte die Menschen in zwei Klassen abteilen: in solche, die sich auf eine Metapher und in solche, die sich auf eine Formel verstehn. Deren, die sich auf beides verstehn, sind zu wenige, sie machen keine Klasse aus." Dieses Diktum von Heinrich von Kleist drückt im Kern eine Vorstellung aus, die bis in unsere unmittelbare Gegenwart hinein präsent ist: die Vorstellung, daß zwischen Natur- und Geisteswissenschaften eine nahezu unüberbrückbare Kluft besteht. Aus diesem Grund wird die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, der für beide Wissenschaftsbereiche von Interesse ist, zunächst die Voraussetzungen, Methoden und Ziele sowohl der eigenen wie auch der fremden Disziplin klären müssen und diese im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen kritisch zu hinterfragen haben.

Im Zentrum des Seminars stehen zwei der prominentesten Erklärungsmodelle des Farb- und Lichtphänomens: Isaac Newtons Opticks (1704) und Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre (1810). Für das Verständnis und die Beurteilung beider Modelle werden Fragen nach ihren kultur- und wissenschaftshistorischen Voraussetzungen ebenso zu diskutieren sein wie Fragen nach ihrer aktuellen Gültigkeit. In physikalischer Perspektive sind dabei vor allem die historische Entwicklung des Verständnisses von Licht und optische Erscheinungen wie Beugung, Brechung, Streuung und Interferenz zu thematisieren; in literaturwissenschaftlicher Perspektive werden Fragen nach der Kunstauffassung der Weimarer Klassik, der ästhetisch-metaphorischen Relevanz von Farben und Licht sowie der "sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben" (Goethe) diskutiert werden. Von disziplinenübergreifender Relevanz wird vor allem die Frage nach den Diskursformen sein, derer sich der Dichter Goethe und der Naturwissenschaftler Newton in ihrer Beschäftigung mit dem Gegenstand Farben und Licht bedienen. In diesem Zusammenhang gilt es auch zu erläutern, inwiefern eine Disziplin auf die Ausdrucks- und Argumentationsformen der jeweils anderen zurückgreift, um sie für eigene Zwecke produktiv zu machen (man denke etwa an die metaphorisch-bildhaften und damit im weitesten Sinn »dichterischen« Formen der Vermittlung und Veranschaulichung abstrakter Phänomene in der Physik bzw. an die Aneignung naturwissenschaftlicher Fachtermini und Begründungsstrategien in Literatur und Literaturwissenschaft).

Vorkenntnisse Das Seminar setzt keine Vorkenntnisse voraus, sehr wohl aber die Bereitschaft, den Dialog mit einer anderen Disziplin zu wagen.
Literatur Isaac Newton, Optik oder Abhandlung über Spiegelungen, Brechungen, Beugungen und Farben des Lichts, Frankfurt/Main: Harri Deutsch, 2001 (= Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, Bd. 96)

Johann Wolfgang von Goethe, "Farbenlehre, didaktischer Teil", in: Naturwissenschaftliche Schriften I: Allgemeine Naturwissenschaft - Morphologie - Geologie - Farbenlehre, Didaktischer Teil, München: C.H. Beck, 111994 (= Hamburger Ausgabe, Bd. 13)

Weitere Quellentexte werden ab Anfang April als Masterkopie an den Lehrstühlen ausgelegt.

Weitere Informationen Seminarplan