Next: Über dieses Dokument ...
Up: Materialphysik II
Previous: 7. Härtung
Unterabschnitte
Wechselverformung ist eine Materialbeanspruchung, die im realen Einsatz
beispielsweise bei einem schwingenden Bauteil häufig
zu finden ist und auch oft zum Versagen, zum sogenannten Ermüdungsbruch führt.
Abbildung:
Modellhafte und experimentell ermittelte Woehlerkurven
 |
Im Labor
wird häufig der symmetrische Zug-Druck-Versuch als Modell hierfür benutzt:
die geeignet eingespannte Probe wird mit konstanter Dehngeschwindigekeit
gedehnt und um den gleichen Betrag gestaucht, entweder, wie in der Abbildung,
mit konstanter Dehnungs- oder mit konstanter Spannungsamplitude. Trägt man
die Spannungsamplitude
, die für einen Ermüdungsbruch nach
Zyklen
nötig
ist, gegen
auf, ergibt sich die sogenannte Wöhlerkurve.
Häufig weist sie einen
Grenzwert
auf, so dass, falls man unter dieser Lastgrenze bleibt,
das
Bauteil nicht durch Ermüdungsbruch gefährdet ist (typisch
der Zerreißfestigkeit).
Eine Ermüdungsgrenze findet man z.B. in Kohlenstoffstählen, in
denen die Versetzungen immer wieder durch die bei Raumtemperatur beweglichen
C-Atome gepinnt werden, nicht aber in austenitischen (fcc) Stählen. Bleibt
man also unter dem Spannungslimit ist (theoretisch) die Lebensdauer unbegrenzt,
bei Werkstoffen ohne eine solche Grenze tritt mit Sicherheit irgendwann ein
Versagen auf. Durch entsprechendes Design muss dann dafür gesorgt werden,
dass das Versagen nicht während der geplanten Lebensdauer eines Produkts
eintritt.
Eine andere Darstellung ist die zyklische Spannungs-Dehnungskurve: hier trägt
man die maximalen Spannungswerte gegen die
akkumulierte Dehnung auf.
Bei Wechselverformung findet man oft
im Gegensatz zu dem Verhalten bei monotoner Verformung ein
``strain softening'', also ein weicherwerden des Materials
(``Entfestigung'').
Abbildung:
Verlauf der Spannung mit zunehmender kumulierter Dehnung für
unterschiedliche Materialien. Besonders in ausscheidungsgehärtetem Material
findet man eine Entfestigung.
 |
Ursache hierfür ist die
Versetzungsbewegung hin und her (die schon bei Spannungen unterhalb von
stattfindet!)
Dabei werden Versetzungsloops periodisch ausgezogen,
die Stufenanteile bilden stabile Dipol-/Multipolkonfigurationen.
Die Schraubenanteile laufen weiter und
annihilieren möglicherweise. durch Quergleitung.
Abbildung:
Schema der Versetzungsanordnung in wechselverformten Proben: Neben
dichte Versetzungsbündeln (``veins'') bilden sich persistente Gleitbänder (PSBs)
 |
Mikroskopisch weisen wechselverformte
Proben meist eine ganz andere Versetzungsanordnung auf als einsinnig verformte.
Dies liegt daran, dass eine unter Zug entstandene Versetzungsanordnung nach
Spannungsumkehr nicht unbedingt stabil ist, die Verfestigung geht zum Teil
wieder verloren, was als Bauschinger-Effekt bezeichnet wird. Nach einer
gewissen Zahl von Zyklen bilden sich dann lokal in der Probe Bereiche scharfer
Versetzungsanordnungen, sogenannte persistente Gleitbänder (PSB), in denen das
Material
leichter verformbar ist als die umgebende Matrix. Die Durchtritte solcher
PSBs an der Oberfläche sind häufig Ausgangspunkt für Ermüdungsrisse.
Ein
besonders einfaches Modell für die Rissentstehung ist das von Neumann: an der
Oberfläche entsteht etwa durch ein PSB eine Stufe, die aber im nächsten
Schritt wieder durch Verformung auf einer zweiten Gleitebene geschlossen wird.
In vielen Schritten wird Material von der Oberfläche in die Tiefe
transportiert, was, wenn die Oberfläche verunreinigt war, zum Bruch
führt.
Bei tiefer Temperatur kann anstelle der inhomogenen Verformung durch
Versetzungsgleitung eine homogene Deformation, die mechanische
Zwillingsbildung stattfinden. Wie im ersten Teil der Vorlesung erklärt,
bedeutet Zwillingsbildung im fcc-Gitter eine Spiegelung an einer
-Ebene,
so dass die Stapelfolge umgekehrt wird:
Zum zweiten hatten wir gesehen, dass eine Shockley-Partialversetzung einen
Stapelfehler erzeugt, also z.B. eine A- in eine B-Ebene überführt:
Abbildung:
Der Polmechanismus für die mechanische Zwillingsbildung: eine
Partialversetzung läuft um eine Schraube herum und erzeugt bei jedem Umlauf eine
Lamelle verzwillingten Bereichs.
 |
Läuft über jede Ebene ab der Zwillingsebene eine Shockley-Partialversetzung,
entsteht also ein Zwilling. Eine solche kollektive Versetzungsbewegung ist
allerdings wenig wahrscheinlich. Es wurde daher der sogenannte Pol-Mechanismus
vorgeschlagen, bei dem eine Shockley-Partialversetzung auf eine Schraube
stößt, eine Hälfte um die Schraube wie auf einer Wendeltreppe hinaufklettert und
damit den Zwilling erzeugt. Ein Einwand gegen dieses Modell ist allerdings,
dass die zwei Partialversetzungsarme auf atomarem Abstand aneinander
vorbeilaufen müssen, was auf extrem hohe Spannungen für den Einsatz von
mechanischer Zwillingsbildung führt. Ein Mechanismus, der dieses Problem
vermeidet, wurde von Venables vorgeschlagen: ein langer Jog auf einer
Schraubenversetzung sei in eine (unbewegliche) Frank- und eine (mobile)
Shockley-Partialversetzung aufgespalten:
![\begin{displaymath}\frac{a}{2} [110] \rightarrow \frac{a}{6} [112] + \frac{a}{3} [11\bar{1}]\end{displaymath}](img624.gif) |
(8.1) |
Die Shockley-Partialversetzung baucht sich unter der äußeren Spannung aus und
windet sich um die Schraubensegmente herum. Allerdings kann sich der Ring
nicht schließen, da die hinteren Segmente auf benachbarten Gleitebenen liegen.
Jedoch kann ein Teil sich wieder mit der Frank-Partialversetzung vereinigen
und auf die nächste Ebene gleiten. Nun wiederholt sich der Prozeß und das nun
erzeugte Segment kann sich mit dem des ersten Rings annihilieren und auf diese
Weise eine ``einatomige Zwillingsschicht'' erzeugen. Fortsetzung dieses
Prozesses führt schließlich auf eine ausgedehnte Zwillingslamelle, die von
einer spiralförmigen Shockley-Partialversetzung umrandet ist. Hat die
Zwillingslamelle eine gewisse Dicke erreicht, kann auch der einfache
Polmechanismus einsetzen.
Der mechanischen Zwillingsbildung ähnlich ist die
Bildung von spannungsinduziertem Martensit, wobei aber das Gitter nicht
invariant bleibt sondern eine (leicht) andere Struktur bekommt.
Bei höherer Temperatur kann unter einer konstanten Last eine stationäre
Verformungsrate gefunden werden, die verschiedene Ursachen haben kann:
Korngrenzgleitung
Bei hoher Temperatur kann in Vielkristallen eine
Verschiebung der Körner gegeneinander zu einer plastischen Verformung
führen. Dies ist um so einfacher, je feiner das Korn ist - anders als bei
tiefen Temperaturen, wo ja (beschrieben durch die Hall-Petch-Beziehung) feines
Korn hohe Festigkeit bedeutet. Ein von Ashby vorgeschlagener Prozess erklärt
dies in folgender Weise: die äußere Schubspannung erzeugt in den Korngrenzen
Normalspannungen. Dadurch findet ein Leerstellenstrom entgegen diesen
Spannungen statt, es wird also Materie von der einen zur anderen Korngrenze
transportiert.
Man erhält aus diesem Modell für die
Korngrenzgeschwindigkeit, das sog. Diffusionskriechen
(Nabarro-Herring-Kriechen,falls
ist,
Coble-Kriechen, falls
ist)
 |
(8.3) |
ist die ``Periode'' der Körner (Lateralausdehnung)
ihre Höhe,
die wirkende Scherspannung.
Ein Material mit kleiner ``Welligkeit'' der Korngrenzen setzt dem
Diffusionskriechen relativ wenig Widerstand entgegen. Wolframdrähte in
Glühlampen besitzen aufgrund des Drahtziehens extrem langgestreckte Körner,
so dass senkrecht zu den Körnern eine extreme Welligkeit, also eine relativ
hohe Stabilität vorliegt. Dies wird technisch noch verstärkt durch
Kaliumausscheidungen auf der Korngrenze, die die Welligkeit noch erhöhen.
Superplastizität
Eng verbunden mit der Korngrenzgleitung ist das Phänomen der Superplastizität.
Hinreichend feinkörnige Metalle und Keramiken lassen sich bei hohen
Temperaturen extrem dehnen, ohne dass es zum Bruch kommt. Entscheidend hierfür
ist neben der leichten Verformbarkeit die richtige Spannungsabhängigkeit der
Verformungsgeschwindigkeit,
 |
(8.4) |
Bei normaler Plastizität findet man m-Werte von ca.
, während bei
Superplastizität
sein muss.
Dies ergibt sich aus der Bedingung für
plastische Stabilität für einen Zugversuch:
 |
(8.5) |
die bedeutet, dass, wenn irgendwo eine Einschnürung auftritt, dort die
Verformungsgeschwindigkeit reduziert sein muss.
Die Variation der Kraft soll bei stabiler Verformung verschwinden. Sie
kann durch eine Variation der Spannung
oder durch eine Variation des Querschnitts
verursacht sein:
Da
ist, gilt
 |
(8.7) |
Der Verfestigungskoeffizient
ist definiert als
 |
(8.8) |
die Geschwindigkeitsempfindlichkeit
 |
(8.9) |
Damit wird
 |
(8.10) |
Die Dehnung
ist wegen deren Volumenkonstanz
 |
(8.11) |
und damit gilt auch
für die Änderung der lokalen
Dehnung in der Einschnürung.
Die Dehngeschwindigkeit
ist
 |
(8.12) |
also
In Gleichung
eingesetzt, wird die Variation der Spannung
 |
(8.14) |
Also ist
Der Faktor
ist negativ (
), also muss für
plastische Stabilität
 |
(8.15) |
sein. Bei hohen Temperaturen ist die Verfestigung sehr gering, plastische
Stabilität ist also nur gegeben, falls
ist. In superplastischen
Legierungen können Dehnungen von mehreren
erreicht werden, allerdings
nur in sehr feinkörnigen Legierungen bei hohen Temperaturen. Allerdings gibt
es Spahnlationen, dass bei extrem geringen Verformungsgeschwindigkeiten auch
in grobkörnigerem Material Superplastizität auftreten kann, was für
geologische Prozesse von Bedeutung sein könnte.
Abbildung:
Der Übergang von sprödem zu duktilem Verhalten für unterschiedliche
Materialien (aus http://www.msm.cam.ac.uk/doitpoms/tlplib/BD6/results.php)
 |
Überschneidet man die Grenzen plastischer Stabilität, kommt es im
Allgemeinen zum Bruch des Materials. Das Bruchverhalten wird nach verschiedenen
Charakteristika unterschieden:
- transkristalliner Bruch: die Bruchfläche durchquert die
Körner,
- interkristalliner Bruch: der Riss läuft entlang von Korngrenzen.
- Sprödbruch: mit Sprödbruch
bezeichnet man ein Brechen ohne vorangegangene plastische Verformung,
- duktiler Bruch: entsprechend ein Bruch mit vorangehender plastischer
Verformung,
- Ermüdungsbruch: mit
Ermüdungsbruch wird das Vesagen nach Wechselverformung bezeichnet.
Ob bzw. in welchem Maße ein Sprödbruchverhalten vorliegt, kann im sogenannten
Kerbschlagversuch untersucht werden. Ein Fallpendel trifft auf eine
eingekerbte, einseitig eingespannte Probe und zerbricht diese. Die beim
Burchvorgang dissipierte Energie wird im einfachsten Fall bestimmt, indem die
anschließende Steighöhe des Fallpendels gemessen wird. Ein Sprödbruch verzehrt
nur sehr wenig Energie, während plastische Verformung einen erheblichen Anteil
aufnimmt. In vielen Materialien (z.B. in kubisch raumzentrierten Metallen wie
Kohlenstoffstählen)
findet man bei einer relativ scharfen
Übergangstemperatur einen Übergang von sprödem zu duktilem Verhalten.
Unter anderem war das Unterschreiten der
Sprödbruchtemperatur eine Mitursache für den Untergang der Titanic (der Eisberg
natürlich ebenfalls).
Abbildung:
Schema der drei verschiedenen Bruchmoden. Mode I ist ein Aufziehen des
Risses, Mode II ein Verschieben nach hinten, Mode III ein Verdrillen.
 |
Die Bruchmechanik versucht, mit Überlegungen aus der
Elastizitätstheorie das Materialverhalten nahe der Bruchspitze zu modellieren.
Hier werden drei Beanspruchungsarten (``Moden'') unterschieden. Als Mode I
bezeichnet man ein
einfaches Aufziehen senkrecht zur Bruchfläche, als Mode II
eine Stufenverformung in der Bruchfläche und als Mode III eine Torsion auf der
Bruchfläche.
Abbildung:
Geometrie um den Bruch und Winkelabhängigkeit der Komponenten des
Spannungstensors.
 |
Das Spannungsfeld um einen Mode I-Bruch im Ursprung lässt sich berechnen
 |
(8.16) |
wobei die Funktionen
nur noch vom Winkel abhängen:
 |
 |
 |
(8.17) |
 |
 |
 |
(8.18) |
 |
 |
 |
(8.19) |
 |
 |
 |
(8.20) |
Abbildung (
) zeigt den Spannungsverlauf um einen Riss. Man
erkennt, dass die Scherkomponenten schmetterlingsartig in 45
-Winkeln von der
Rissspitze ausgehen. In den Bereichen starker Scherung findet man
dementsprechend Versetzungsbewegung.
wird als Spannungs-Intensitätsfaktor bezeichnet.
Für einen geraden Riss
der Länge
in einem unendlichen Körper unter äußerer Zugspannung
ist
 |
(8.21) |
Der Riss läuft weiter, wenn
einen kritischen Materialwert
,
die Bruchzähigkeit, überschreitet.
Eine einfache Überlegung von Griffith
führt auf eine Abschätzung von
: um die Bruchfläche einer Strecke
weiterlaufen zu lassen, muss neue Oberfläche
erzeugt werden. Dies kostet
Energie, während andererseits Verformungsarbeit geleistet wird:
Hier ist
die Rissbreite und
die spezifische Oberflächenenergie
des Materials. Die Verformungsarbeit ist
 |
(8.22) |
so dass die Energiebilanz zwischen aufzubringender Energie und geleisteter
Arbeit
 |
(8.23) |
ein Maximum bei
überschreitet. Wenn der Riss
diese Länge
erreicht hat,
läuft er spontan weiter. Diese kritische Risslänge hängt wie erwartet
quadratisch von der Spannung ab, der Spannungs-Intensitätsfaktor ist dann
 |
(8.24) |
Diese Überlegung von Griffith gibt allerdings nur eine
untere Abschätzung der Bruchzähigkeit, da ein ideal
scharfer Riss angenommen wird. Zahlwerte ergeben etwa mit einer
Oberflächenenergie
und einem Elastizitätsmodul
einen Wert für
,
d.h. bei einer Spannung von
würde ein Riss der Länge
weiterlaufen. Die meisten Metalle
besitzen jedoch deutlich höhere Bruchzähigkeiten, Stähle etwa
,
da hier die Rissspitze durch Versetzungen abgerundet wird, so dass die
Spannungskonzentration verringert wird. Dies führt, da die Versetzungsbewegung
temperaturabhängig ist, auf den spröde-duktil-Übergang, der insbesondere in
bcc-Legierungen, aber auch in Silizium beobachtet wird. Innerhalb eines kleinen
Temperaturintervalls ändert sich das Bruchverhalten drastisch (bei
ferritischen Stäbchen nicht weit unter Raumtemperatur!, s. Abb.
(
)). Dies liegt daran,
dass für
die Versetzungen nicht mehr rasch genug vom Riss weglaufen
können (der Riss selber läuft praktisch mit Schallgeschwindigkeit),
sie können den Riss nicht mehr hinreichend abschirmen, es findet Sprödbruch
statt. Für
jedoch verrundet die Rissspitze stark, dadurch nimmt die
Spannung an der Rissspitze ab.
Die Versetzungen sind
schnell genug, der Bruch ist duktil.
Next: Über dieses Dokument ...
Up: Materialphysik II
Previous: 7. Härtung
ferdinand haider
2002-11-12