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Reisensburg


Schloß Reisensburg

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Der tertiäre Höhenrücken, der von Günzburg auf dem südlichen Donauufer ostwärts zieht und beim Dorfe Reisensburg durch zwei künstliche tiefe Quergräben geteilt steil nach Norden und Süden abfällt, so einen durch allseitigen Steilabfall umgrenzten Berghügel bildend, hat schon seit vorgeschichtlicher Zeit zu einer durch die Natur besonders geschützten Besiedlung herausgefordert. Dies wird durch Funde bewiesen, welche seit der jüngeren Steinzeit bis zur Römerherrschaft ein fortlaufendes Zeugnis dafür ablegen. Besonders die "Urnenfelderleute" sind durch zahlreichen Fundniederschlag vertreten. Aus dem Garten des heutigen Schlosses und seinem nördlichen Steilabhang wurden zahlreiche Wohngruben und sonstige Siedlungsspuren aufgedeckt. Mächtige Tonvasen, Eßnäpfe, Teller und andere Tongeschirr-Reste, aber auch Spinnwirteln, Bein-Nadeln, Pfriemen, Mahlsteine, Feuerböcke, vereinzelt auch Bronze-Gegenstände sind die Zeugen einer längerdauernden Besiedlung des Schloßbergs, die etwa in die Zeit um das erste Jahrtausend vor Christus fällt.
In der späteren Keltenzeit diente der Berghügel wahrscheinlich als Fliehburg und in der Epoche des römischen Kastells Gontia (des heutigen Günzburg) stand dort oben wahrscheinlich ein Burgus (römischer Wachtturm), dessen Fundamente vielleicht noch heute als Unterbau des Bergfriedes sichtbar sind. Nach Besitznahme des Landes durch die Alemannen wird die Reisensburg erstmals als Civitas Rizinis vom Geographen von Ravenna (um 700) erwähnt. Er stützt sich dabei auf eine geographische Beschreibung des Goten Athanarid, der etwas um 550 n. Chr. lebte. Die Identifizierung dieser Civitas Rizinis mit unserer Reisensburg ist auch sprachgeschichtlich sehr wahrscheinlich, zumal sich verschiedene sprachliche Übergangsformen, wie Risinis-Burk u. ä. im Mittelalter finden. Damit gehört die Reisensburg zu den ältesten alemannischen Burgen, welche wahrscheinlich unter Theoderich dem Großen ausgebaut wurde, unter dessen Schutz sich die Alemannen nach ihrer durch den Frankenkönig Chlodwig 496 n. Chr. erlittenen Niederlage begaben, wie Prof. Dr. Beyerle in einer sehr bemerkenswerten Studie nachzuweisen versucht hat.
Im zehnten Jahrhundert finden wir die Reisensburg im Besitze der bayerischen Herzöge. Wahrscheinlich hat Kunigunde, die Schwester der im Jahre 917 durch König Konrad dem Ersten hingerichteten schwäbischen Herzöge Bertold und Erchanger, welche den Bayernherzog Luitpold heiratete, die Reisensburg als Hochzeitsgut dem bayerischen Herzog eingebracht. Kunigunde wurde übrigens in zweiter Ehe deutsche Königin, indem sie König Konrad, der ihre beiden Brüder hinrichten ließ, heiratete. Einige Jahrzehnte später hat der bayerische Herzog Bertold, Sohn des Bayernherzogs Arnulf, im Jahre 955 das Herannahen des Heeres Otto des Ersten von Ungarn vor der berühmten Schlacht auf dem Lechfelde verraten, wie die Vita sancti Oudalrici berichtet. Dieser Bertold oder Berchtold wurde von Otto dem Ersten als Herzog von Bayern abgesetzt und auf die Reisensburg verbannt. So ist dieser Racheakt zu verstehen.

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In der Folgezeit wurde die Reisensburg als Lehen an das Adelsgeschlecht derer von Eberstal, deren Mitglieder sich später z. T. nach der Reisensburg nannten, vergeben. Die Herren von Risenburc scheinen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts auf der Burg gesessen zu haben, bis 1295 die Grafen von Berg als Markgrafen von Burgau erscheinen, zu deren Besitz auch die Herrschaft Reisensburg gehörte. Durch Heirat des letzten männlichen Markgrafen von Berg mit einer Tochter des Markgrafen von Hohenheim, dessen Schwester die Gemahlin Rudolf des Ersten von Habsburg war, fiel mangels männlicher Nachkommen die Markgrafschaft Burgau und damit auch die Herrschaft Reisensburg an die Habsburger. Die Habsburger, durch viele Kriege in Geldnot geraten, verpfändeten die Reisensburg an verschiedene Nobiles, so an die Herren von Knoringen und später an die Ritter von Stain, welche in der nahegelegenen Pfarrkirche von Jettingen ihre Grabwege hatten. Ihre Grabsteine aus der Spätgotik und Frührenaissance sind noch erhalten und kunstgeschichtlich sehr bemerkenswert. Später kam die Reisensburg an den Edlen Giel von Gielsberg, an die Herren von Eyb und danach an die Freiherren von Riedheim. 1920 erwarb der Günzburger Rechtsanwalt Vogel die Reisensburg. Seine Witwe hat sie bis zum 5. 3. 1966 nach besten Kräften erhalten. An diesem Tage ging die Burg an das "Internationale Institut für wissenschaftliche Zusammenarbeit" über.

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Die heutige Burganlage stammt wohl im wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert, nachdem das frühere gotische Schloß im 30jährigen Krieg bis auf den mächtigen Bergfried abgebrannt ist. Das spätere Schloß des 17. Jahrhunderts ummantelt diesen alten Riesen, der mit seinen 35 m Höhe und einer Mauerstärke von 3,5 m ein Wahrzeichen der ganzen Gegend geworden ist. Auf gewaltigen Buckelquadern erhebt sich der romanische Bergfried, auf dem als Abschluß die reizvollen Zinnen und Ecktürmchen aus spätgotischer Zeit aufgesetzt sind. Von der Plattform des Turmes schweift der Blick über die Jurahöhen nach Norden und ostwärts die Donau hinab bis Lauingen und Dillingen. Im Westen wird an klaren Tagen das Ulmer Münster sichtbar und im Süden schweift der Blick über das an den Burgberg sich anschmiegende Dorf Reisensburg hinweg auf die schwäbisch-bayerische Hochebene, wo an klaren Föhntagen die Alpen als südliche Grenzlinie aufleuchten.
Zur Burg gehörte ursprünglich auch die unterhalb gelegene Burgkapelle (jetzt Pfarrkirche des Orts) mit vielen schönen Grabsteinen der alten Burggeschlechter. Als kunsthistorisch wertvollstes Stück gilt das prächtige Relief von Loy Hering mit der Verkündigung Mariä (1523).

(Quelle: Chronik der Reisensburg, gekürzt)


Achim Engelhart (2. Juni 1998)